Das Amtsgericht München will den Einsatz von Psychopharmaka in der Altenpflege verringern. Die Mittel werden zu oft verabreicht, um Pflegebedürftige kostengünstig ruhigzustellen.


Tabletten können die Freiheit einschränken wie eine Fessel. Aber im Alltag eines Pflegeheims, in dem Personal- und Zeitmangel herrschen, kann man dem großen Freiheitsdrang dementer Menschen selten entsprechen. Also werden in der Pflege Alter und Dementer nicht nur Fixierungen wie Bauchgurte für Rollstuhlfahrer eingesetzt, sondern zur Ruhigstellung auch Psychopharmaka. Aggressive Heimbewohner, die das Zusammenleben belasten, erhalten mitunter ebenfalls sedierende Medikamente.

Die Beschränkungen haben oft auch finanzielle Gründe: Pflegebedürftige sollen ruhiggestellt werden, damit das Risiko von Stürzen und schweren Verletzungen verringert wird, denn die Folge sind Krankenhausaufenthalte. Oft drängen daher die Kassen dazu, über Fixierungen nachzudenken, wenn ein Heimbewohner schon öfter gestürzt ist.

In München, das zeigt eine aktuelle Untersuchung der Fachstelle für Qualitätssicherung in der Altenpflege, erhalten etwa 50 Prozent der Bewohner von Alten- und Pflegeheimen Psychopharmaka mit beruhigender oder sedierender Wirkung. Im Qualitätsbericht von 2011 und 2012 der Münchner Heimaufsicht steht, es würden „zu schnell zu viele“ Psychopharmaka verabreicht. Viele Bewohner erhielten fünf bis zehn und sogar noch mehr Medikamente. Oft werde nicht überprüft, ob sich die Nebenwirkungen gegenseitig beeinflussen und womöglich schädlich auswirken könnten. In Deutschland leben laut Amtsgericht München etwa 1,1 Millionen Demenzkranke. Rund 240000 Menschen werden nach den Ergebnissen einer Studie fälschlicherweise mit Psychopharmaka behandelt.

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Diese Vergabepraxis will das Amtsgericht München in Zukunft erschweren. Das Gericht ist dafür zuständig, freiheitsentziehende Anordnungen wie die Gabe von Psychopharmaka in den Heimen der Stadt und des Landkreises zu genehmigen. Laut Gesetz muss die Gabe der Medikamente, sofern sie nicht der Heilung des Patienten dient, betreuungsrechtlich genehmigt werden. Die Gabe von sedierenden Medikamenten wird somit der mechanischen Fixierung gleichgestellt.
Pfleger soll Interessen des Heimbewohners vertreten

Das Amtsgericht will nun mit der „Initiative München, Psychopharmaka in Alten- und Pflegeheimen“ einen neuen Weg beschreiten: Erstmals soll das Gericht mit dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen Bayern und dem Bayerischen Hausärzteverband zusammenarbeiten, wenn über die Genehmigung von Psychopharmaka entschieden wird. Zudem sollen die Gutachter, die das Betreuungsgericht beauftragt, und die Betreuer darlegen, welche Wirkung das zu verabreichende Medikament haben wird. Auch wird ein Verfahrenspfleger eingebunden, der die Interessen des Heimbewohners vertritt.

Diese Neuerung ist angelehnt an den „Werdenfelser Weg“, den das Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen ins Leben gerufen hat. Dort wurde die Zahl mechanischer Fixierungen, die durch das Betreuungsgericht angeordnet wurden, verringert. Viele Landkreise haben sich das Konzept zu eigen gemacht. Der wichtigste Punkt des neuen Ansatzes: Ein unabhängiger Pflegefachmann wird in die Entscheidung über Fixierungen einbezogen. Denn juristisch und pflegerische versierter Spezialist kann die Situation in Pflegeheimen einschätzen und Vorschläge dazu machen, wie man eine Fixierung verhindert und trotzdem die Bedürfnisse von Heim und Bewohner in Einklang bringt.

So wurden allein in München laut Amtsgericht die Fixierungen von zwölf Prozent im Jahr 2011 auf unter fünf Prozent im Jahr 2013 reduziert. Das Amtsgericht erhofft sich nun mit der Initiative, dass weniger Pflegebedürftige Medikamente bekommen, um ruhiggestellt zu werden.
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Quelle: F.A.Z.